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Gegen die Mauer in Bilin

Wie ein kleines Dorf in der West Bank sich mit Hilfe israelischer und internationaler AktivistInnen gegen die Mauer wehrt

Am Freitag, dem 11.11., demonstrierten rund 150 Menschen in Bilin, einem Dorf in der palästinensischen West Bank, nahe der Grenze zu Israel. Die israelische Armee IDF setzte Lärmgranaten, Tränengas und Gummigeschosse gegen die Menschenmenge ein. Ein 16jähriger Palästinenser wurde von einem Gummigeschoss am Kopf getroffen und ins Krankenhaus gebracht.

Seit zehn Monaten wird die "Separation Barrier", eine Absperrung um die West Bank, in Bilin gebaut. Die sich im Bau befindliche Zaunanlage soll die israelischen Siedlungen in der Nähe des Dorfes schützen. Es gibt bereits fünf davon, eine weitere ist im Bau.

Von den 4.300 Dunam (4,3 km2), die zu Bilin gehören, sollen mehr als 2.000 auf der israelischen Seit der Mauer bleiben. Damit verlieren die 1.600 BewohnerInnen, die hauptsächlich vom Ackerbau leben, den Großteil ihrer Olivenfelder.

Bilin liegt mehr als vier Kilometer von der "Grünen Linie", der 1967 etablierten Grenze zu Israel, entfernt. Dass durch den Mauerbau 60% des Landes der Gemeinde verloren gehen soll, ist aber keine Ausnahme. Rund um die West Bank wird die Apartheidmauer nicht an der Grenze, sondern auf einer Zick-Zack-Linie gebaut, die meist einige Kilometer innerhalb der palästinensischen Gebiete verläuft, um möglichst viele Siedlungen und fruchtbaren Boden auf die israelische Seite zu bringen.

Seit zehn Monaten, seit dem Tag, an dem mit dem Mauerbau begonnen wurde, gibt es jeden Freitag eine Demonstration in Bilin. Die Blockade von Baggern und Bulldozern, die zum Bau der Siedlungen und der Mauer eingesetzt werden, war eines der zentralen Ziele der Aktion am Freitag.

Diese Woche sollte die Aktion unter anderem an den Fall der Berliner Mauer vor 16 Jahren erinnern. Ein Aktivist aus Berlin trug ein Schild: "November 1989: Die Mauer in Berlin fällt. November 2005: Die Mauer in Bilin wird auch fallen!" Es war gleichzeitig der erste Todestag von Yasser Arafat. Die palästinensischen DemonstrantInnen trugen Masken und Plakaten mit seinem Gesicht, sowie mit dem von seinem Verhandlungspartner beim Oslo-Abkommen, Yitzak Rabin, dessen 10. Todestag in diesen Tagen gedacht wird. Andere Masken erinnerten an Friedensaktivisten wie Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Rosa Parks und auch an Rosa Luxemburg.

In Bilin nahmen nicht nur DorfbewohnerInnen, sondern auch AktivistInnen der International Solidarity Movement (ISM) aus den USA, Kanada, Schweden und anderen Ländern an der Demonstration teil. Viele Israelis beteiligten sich ebenfalls: junge AnarchistInnen und TrotzkistInnen, ältere FriedensaktivistInnen und einige Ex-SoldatInnen. Nadav, der nach einem Jahr in der IDF den Dienst in den besetzten Gebieten verweigerte, sagte dazu: "Die Soldaten sind in einer sehr unangenehmen Lage. Sie wollen sich nicht fotografieren lassen, wie sie uns verprügeln."

Die Hoffnungen auf einen friedlichen Protest wurden von der israelischen Armee schnell zerstört. Als die DemonstrantInnen etwa 200 Meter von der Mauer entfernt auf der Strasse gestoppt wurden, riefen sie Sprechchöre auf Arabisch, Hebräisch und Englisch oder haben sich einfach hingesetzt. Damit konnten sie einen riesigen Kipper über eine Stunde lang blockieren. Um die Strasse für die Baufahrzeuge zu räumen, haben die Soldaten diese Kundgebung ohne Vorwarnung mit Lärm-Granaten und Tränengas auseinandergejagt.

Erst nach dieser Provokation begannen Jugendliche aus dem Dorf, Steine auf die Grenzpolizei zu werfen. Diese erwiderten mit Gummigeschoss (in Wirklichkeit mit Gummi umhöllter Stahlgeschoss) und haben sogar mit scharfer Munition in die Luft geschossen. Nach zahlreichen Prügeleien, Festnahmen und kleinen Gefechten zwischen Soldaten und Jugendlichen, wurde die Demonstration von den DorfbewohnerInnen aufgelöst. Die AktivistInnen waren bis 50 Meter an den Zaun vorgerückt. Ihr Vorhaben, Friedensplakate an den Zaun zu befestigen, konnte aber nicht durchgeführt werden.

Mit etwas Stolz bemerkt Osama Nasser vom Volkswiderstandskomitee gegen die Mauer: "In einem Jahr wurde die Mauer zwischen Jenin im Norden und Budros nahe Ramallah gebaut. Doch in Bilin arbeiten sie seit 10 Monaten und sind immer noch nicht fertig." In der Tat existieren von dem Barrier im Moment nur ein Geländer, ein Fahrweg und ein Stacheldrahtzaun - und das nur auf 2 Kilometern der 3,5-km-langen Strecke.

In den letzten Monaten gab es viele Aktionen. Die Kinder des Dorfes hatten ein Straßentheater mit riesigen schwarzen Schlangen, die die Strangulierung der palästinensische Wirtschaft darstellen. Junge palästinensiche Frauen aus der Umgebung haben eine Frauendemo angeführt. Israelische AnarchistInnen aus Tel Aviv haben sich an den Zaun gekettet. Und natürlich sind Solidaritätsdelegationen aus der ganzen Welt nach Bilin gekommen. Es gibt Beispiele wie das Dorf Budros, wo Proteste über ein ganzes Jahr bewirkt haben, dass die Mauer an oder hinter der Grünen Linie gebaut wird. In Bilin hoffen die Menschen auf ein ähnliches Ergebnis.

Die IDF lässt dafür die DorfbewohnerInnen büßen. Zwei Söhne des Gemeinderatsvorsitzenden Abdullah Achmed Yassan sitzen in israelischen Gefängnissen. Sein 14jährige Sohn wurde zu zwei Monaten verteilt, sein 28jähriger Sohn, dessen Frau im achten Monat schwanger ist, zu vier Monaten.

Nachts dringt die IDF in das Dorf ein. auf der Suche nach Verdächtigten. Bisher sind achtzehn Menschen verhaftet worden - eine permanente Präsenz der ISM versucht, dieser Terrorisierung entgegenzuwirken, in dem sie jede militärische Aktion filmen. In den kommenden Wochen werden die Demos fortgesetzt.

//von Wladek Flakin, Ramallah //this article in English

 

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